meine Geschichte.
Hallo!
Vielleicht hast du schon einmal einen Apfel aufgeschnitten und einen kleinen rosafarbenen Wurm darin entdeckt. Wahrscheinlich hast du gedacht: „So ein Schädling!“
Aber bevor du über mich urteilst, möchte ich dir meine Geschichte erzählen.
Denn ich bin viel mehr als nur ein Wurm im Apfel.
Ich gehöre zu den Nachtfaltern und lebe seit Tausenden von Jahren auf Streuobstwiesen, in Obstgärten und an Apfelbäumen. Dort bin ich Teil eines großen Lebensnetzes, in dem jedes Tier seinen Platz hat.
Alles beginnt mit einem Ei
Meine Geschichte beginnt an einem warmen Frühsommertag.
Meine Mutter fliegt in der Abenddämmerung von Baum zu Baum. Mit ihren empfindlichen Fühlern nimmt sie den Duft junger Äpfel wahr. Schließlich findet sie einen geeigneten Platz und legt ein winziges Ei auf einen jungen Apfel oder auf ein Blatt daneben.
Das Ei ist kaum größer als ein Stecknadelkopf. Fast niemand kann es entdecken.
Doch ich bin nicht allein. Marienkäfer, Ohrwürmer, Florfliegen, Spinnen und andere Tiere suchen nach kleinen Insekteneiern. Viele meiner Geschwister werden schon in diesem ersten Lebensstadium gefressen.
So beginnt das Leben auf einer Streuobstwiese: Nicht jeder schafft es.
Endlich schlüpfe ich
Nach einigen Tagen schlüpfe ich als kleine Raupe.
Jetzt muss alles sehr schnell gehen.
Ich bin winzig und verletzlich. Überall lauern Gefahren. Meisen beobachten die Äste, Spinnen haben ihre Netze gespannt, Laufkäfer und Ohrwürmer suchen nachts nach Nahrung.
Mit meinen kleinen Antennen rieche ich den Duft des Apfels. Mit feinen Sinneshaaren an meinem Körper ertaste ich jede Unebenheit. Meine einfachen Punktaugen unterscheiden nur Hell und Dunkel – viel sehen kann ich nicht.
Zum Glück finde ich die Kelchgrube des Apfels. Dort bohre ich mich vorsichtig hinein.
Jetzt bin ich erst einmal in Sicherheit.
Mein Zuhause ist ein Apfel
Im Inneren des Apfels ist es dunkel, feucht und warm.
Hier wachse ich Woche für Woche.
Ich fresse Fruchtfleisch und später auch die Kerne. Während draußen Regen fällt, Vögel singen und die Sonne scheint, lebe ich verborgen im Inneren meines kleinen Zuhauses.
Ganz ungefährlich ist es trotzdem nicht.
Manche winzigen Schlupfwespen finden sogar den Eingang zu meinem Gang. Sie legen ihre Eier in meinen Körper. Für viele meiner Artgenossen endet das Leben auf diese Weise.
So sorgt die Natur dafür, dass wir nicht zu viele werden.
Zeit für den Abschied
Eines Tages bin ich ausgewachsen.
Mein Apfel wird mir zu klein.
Ich verlasse ihn und suche einen sicheren Platz unter der rauen Rinde eines alten Obstbaums oder in einer geschützten Rindenspalte. Dort spinne ich einen festen Kokon.
Jetzt ruhe ich.
Den ganzen Winter über.
Während Schnee fällt und die Bäume ihre Blätter verloren haben, warte ich geduldig auf den Frühling.
Ein Wunder geschieht
Als die Tage wieder wärmer werden, beginnt eine erstaunliche Verwandlung.
Aus meiner Raupe entsteht langsam ein Nachtfalter.
Mein Körper verändert sich vollständig. Flügel wachsen, lange Beine entstehen, meine Antennen entwickeln Tausende winziger Sinnesorgane und meine großen Facettenaugen können Bewegungen erkennen.
Schließlich sprenge ich meine Puppenhülle.
Zum ersten Mal breite ich meine Flügel aus.
Ich kann fliegen.
Das Leben als Nachtfalter

Am Tag ruhe ich gut getarnt auf der Baumrinde.
Erst in der Abenddämmerung werde ich aktiv.
Mit meinen Antennen nehme ich feinste Duftstoffe aus der Luft wahr. Besonders die Männchen können den Duft eines Weibchens über große Entfernungen riechen. Der Wind trägt diese unsichtbaren Duftmoleküle durch die Streuobstwiese.
So finden wir einander.
Doch auch jetzt bin ich nicht allein.
Fledermäuse jagen in der Dunkelheit und orten mich mit ihren Ultraschallrufen. Spinnen warten in ihren Netzen. Manche Vögel erwischen mich noch in der Morgendämmerung.
Jeder Tag ist ein Abenteuer.
Warum es mich geben muss
Viele Menschen kennen mich nur, weil ich manchmal einen Apfel anfresse.
Doch meine Geschichte endet nicht bei einem Apfel.
Ich bin Nahrung für Meisen, Fledermäuse, Laufkäfer, Ohrwürmer, Spinnen, Schlupfwespen und viele andere Tiere. Würde es mich nicht mehr geben, fehlte diesen Tieren ein wichtiger Teil ihrer Nahrung.
Meine Feinde sorgen gleichzeitig dafür, dass wir Apfelwickler nicht zu zahlreich werden.
So entsteht ein natürliches Gleichgewicht.
Genau dieses Gleichgewicht macht eine artenreiche Streuobstwiese aus.
Deshalb bin ich wichtig
Vielleicht siehst du mich beim nächsten Apfel mit anderen Augen.
Ja, ich kann Früchte beschädigen.
Aber ich bin auch ein kleiner Baustein in einem großen Geflecht des Lebens.
Eine Streuobstwiese lebt nicht nur von ihren Bäumen.
Sie lebt von ihren Bienen, Käfern, Vögeln, Fledermäusen, Pilzen, Gräsern – und auch von mir.
Denn in der Natur hat jedes Lebewesen seinen Platz.
Auch ich.
