Der Abendhimmel lag golden über den Wiesen, als Emma auf dem kleinen Hügel stand und hinunter auf die Streuobstwiese blickte. Der Wind strich sanft durch die hohen Gräser und ließ die Äste der alten Apfelbäume leise rauschen. Überall zwischen den Bäumen liefen Menschen umher. Kinder lachten, Körbe wurden gefüllt, und der Duft reifer Äpfel hing in der Luft.
Doch Emma lächelte nicht.
Ihre Stirn war gerunzelt und die Augen zusammengekniffen.
Da kam Johann den Hügel hinauf. Er blieb neben ihr stehen und folgte ihrem Blick.
„Warum schaust du denn so kritisch?“, fragte er leise. „Die Äpfel sind doch reif. Es ist doch schön, dass so viele Menschen kommen, um zu ernten.“
Emma nickte langsam.
„Ja“, sagte sie. „Das ist schön.“
Für einen Moment schwiegen beide.
Dann zeigte Emma hinunter auf einen Baum am Wegesrand.
„Aber heute Morgen habe ich schon wieder viele abgeknickte Äste entdeckt. Und schau mal dort drüben — der Baum ist noch voller unreifer Äpfel gewesen, und trotzdem haben die Leute ihn schon komplett abgeerntet.“
Johann seufzte und nickte.
„Stimmt“, sagte er. „Das ist mir auch schon aufgefallen.“
Emma verschränkte die Arme.
„Das ist so dumm“, sagte sie ärgerlich. „Es gibt doch wirklich genügend Obst für alle. Allein hier im Ort haben wir siebenundzwanzig Streuobstwiesen. Da sollte doch jeder etwas finden.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Ich finde es doch so schön, wenn Eltern oder Großeltern mit den Kindern hierherkommen. Erst gemeinsam ernten und später zuhause Kompott kochen oder einen Kuchen backen.“
Sie lächelte kurz.
„Und manchmal sehe ich Familien, bei denen ich denke, dass sie sich Bioobst vielleicht nicht immer leisten können. Hier bekommen sie gute Äpfel einfach umsonst. Das ist doch etwas Wunderbares. Es ist toll, wenn eine Gemeinde so etwas für alle zur Verfügung stellt.“
Johann hörte still zu.
Doch dann runzelte Emma wieder die Stirn.
„Aber diese Menschen, die aus reiner Gier viel mehr mitnehmen als nötig … die verstehe ich einfach nicht.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ein Beutel voll — natürlich, das ist doch völlig in Ordnung. Aber manche kommen mit Anhängern oder laden das Obst kistenweise ein. Wo bleibt denn da der Zusammenhalt?“
Der Wind fuhr durch die Bäume, und irgendwo fiel ein Apfel dumpf ins Gras.
„Schade“, sagte Emma leise.
Johann sah sie bedrückt an. Es tat ihm weh, sie so traurig und wütend zu erleben.
Doch plötzlich musste Emma lachen.
„Ach Johann“, sagte sie und stieß ihn leicht mit dem Ellenbogen an, „beachte mich gar nicht so sehr.“
Sie griff nach einem leeren Korb, der neben ihr stand.
„Komm“, sagte sie fröhlicher. „Gehen wir zu deinen Eltern in den Garten. Ich habe heute Morgen einen Kuchen gebacken. Den lassen wir uns jetzt schmecken.“
Johann lächelte sofort.
Gemeinsam gingen sie den Hügel hinunter, während hinter ihnen die Abendsonne die Streuobstwiese in warmes Licht tauchte.
