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Teil 6 – Besuch aus dem Schwabenländle

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Johann freute sich schon seit Tagen auf den Besuch seines Opas. Zum ersten Mal würde der Opa das neue Haus sehen. Er kam aus dem „Schwabenländle“, wie er selbst immer sagte, und sprach irgendwie ganz anders als Johann. Viele Wörter klangen weicher und irgendwie lustig. Aus einem Raum wurde schnell ein „Räumle“, aus einem Zug ein „Zügle“ und überall hörte Johann dieses besondere „sch“, „g“ oder „d“. Johann mochte das sehr.

Heute allerdings war er verunsichert.

Eigentlich hatte er sich riesig darauf gefreut, dem Opa „seine“ Streuobstwiese zu zeigen. Kaum war der Opa angekommen und hatte seinen Rucksack im Gästezimmer abgestellt, zog Johann ihn schon begeistert nach draußen.

Doch statt sich mit ihm zu freuen, begann der Opa sofort zu schimpfen.

„Die Bäume stehen viel zu eng! Und schaut euch die Misteln an! Die gehören dringend rausgeschnitten! Und gepflegt ist hier ja auch nichts richtig.“

Johann blieb abrupt stehen.

Seine Mutter schaute ihren Vater streng an.

„Du bist und bleibst ein alter Bruddler“, sagte sie kopfschüttelnd.

Da bemerkte der Opa endlich Johanns traurigen Blick. Die Enttäuschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Genau in diesem Moment kam Emma um die Ecke. Sie hatte den Opa schon von weitem gehört.

Gemeinsam gingen sie über die Streuobstwiese, langsam entlang der gemähten Wege. Emma fragte den Opa, wie die Obstwiesen in seiner Heimat, seinem Schwabenländle aussahen.

Da begann der Opa zu erzählen.

Von hügeligen Landschaften. Von kleinen Grundstücken, auf denen früher unter den Obstbäumen Gemüse und Getreide angebaut wurden. Von Leitern, Fahrgassen und der Obsternte im Herbst. Und natürlich von seinem geliebten Apfelmost.

„Aber hier“, meinte er und deutete auf einen großen Laubhaufen, „liegt ja überall Totholz herum.“

Emma lächelte Johann aufmunternd an.

Jetzt war Johann dran.

Er ging zu einem alten Totholzhaufen, bückte sich und hob vorsichtig ein morsches Stück Holz an.

„Schau mal, Opa“, sagte er leise.

Zwischen dem alten Holz krabbelten kleine Käfer, Ameisen und Asseln umher.

Johann erklärte, wie wichtig solche Strukturen für die Artenvielfalt sind. Dass Igel dort Schutz finden, Spechte Nahrung suchen und viele Insekten ihre Kinderstube im morschen Holz haben.

„Das hier ist auch eine Streuobstwiese“, sagte Johann schließlich. „Vielleicht nur anders als die, die du kennst.“

Der Opa hörte aufmerksam zu.

Und langsam verstand Johann auch ihn besser. Der Opa dachte zuerst an die Streuobstwiesen seiner Kindheit — an gepflegte Obstgärten, an Erntearbeit und daran, aus den Äpfeln Most zu pressen.

Hier aber wurde vieles anders gemacht. Die Wiese wurde mit der Sense gemäht, manchmal zog sogar ein Schäfer mit seiner Herde vorbei. Geerntet wurde ebenfalls — allerdings nur für die eigene Küche und nicht für den Verkauf.

Schließlich blieb der Opa neben Johann stehen, holte tief Luft und nickte langsam.

„Gut, dass du mir das alles erzählt hast“, sagte er.

Denn obwohl der Opa wusste, dass Streuobstwiesen wichtige Biotope sind, hatte er sie sein Leben lang vor allem als landwirtschaftliche Flächen gesehen — als Orte, an denen Äpfel wachsen für seinen geliebten Apfelmost im Herbst.