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Felix und Elise auf der Streuobstwiese.

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Eine Wintergeschichte.

Der Atem von Felix und Elise bildete kleine Wölkchen in der kalten Abendluft, während sie nebeneinander über die leicht gefrorene Streuobstwiese stapften. Vor einer Stunde hatten sie im Jugendhaus noch einen Film gesehen – der Forscher mit seiner ernsten Stimme, die Bilder von kahlen Landschaften, die Meldung, dass immer mehr Tiere ihren Lebensraum verlieren. Es hatte sich angefühlt, als hätte jemand eine schwere Decke aus Sorgen über sie gelegt.

„Manchmal“, murmelte Felix und stocherte mit seinem Schuh in einen alten Grasbüschel, „frage ich mich, ob das überhaupt etwas bringt. Wir sind doch nur Kinder.“

Elise nickte. „Ich weiß. Als könnten wir gegen all das ankämpfen …“ Sie sah sich auf der weitläufigen Wiese um. Braune, glatte oder knorrige Stämme von jungen und alten Apfel- und Birnbäumen ragten in den Abendhimmel. Dazwischen lagen Totholzhaufen und ein paar verblasste Blühstreifen vom Sommer, nun braun und welk – aber voller Leben, das nur schlief. „Dabei ist es doch so einfach. Warum sieht das niemand?“

Sie gingen weiter, bis sie zu dem alten Apfelbaum am Rand kamen – dem, den alle „der Rotbackige“ nannten. Einige rote Früchte hingen immer noch trotzig an seinen Zweigen, obwohl es schon Ende November war. Elise streckte die Hand nach einer kleinen Knospe aus. „Schau mal. Sie wartet auf den Frühling.“ Ihre Stimme wurde weicher. „Egal wie kalt es wird, sie bleibt. Und dann blüht sie plötzlich wieder.“

„Wie ein Versprechen“, sagte Felix leise.

Sie setzten sich auf die knorrige Wurzel des Baumes. Der Himmel war schon ein tiefes Violett, und über der Wiese lag eine friedliche Stille wie ein warmer Schal. Für einen Moment sagten sie nichts, dann begannen sie von ihrem Sommer zu erzählen – dem Sommer, in dem sie sich bei einer Mitmachaktion überhaupt erst kennengelernt hatten.

„Weißt du noch die Wespenspinne?“, fragte Felix und lachte ein bisschen.

„Die mit dem gelben Muster!“, rief Elise. „Ich war sicher, dass sie aus einem Comic kommt.“

„Oder die Zwergmaus! Ich hätte nie gedacht, dass ein Nest so klein und fein sein kann.“

„Aber das Beste…“, Elise lehnte sich zurück, „…war die Fledermausnacht.“

Felix’ Augen leuchteten. „Oh ja. Als der Detektor plötzlich dieses Klacken machte und dann – schwupp – flogen sie einfach über uns hinweg! Ich hab fast vergessen zu atmen.“

Sie schlossen gleichzeitig die Augen, als könnten sie die flatternden Schatten noch einmal hören. Es war einer dieser Sommerabende gewesen, die sich ins Herz brannten.

Dann, ganz plötzlich, fing Elise an zu lachen. Erst ein leises Kichern, dann ein so kräftiges, glitzerndes Lachen, dass Felix erschrocken blinzelte – und schließlich selbst lachen musste. Es war ansteckend wie Schnupfen.

„Was… was ist denn los?“, japste er.

Elise wischte sich eine Träne weg. „Ich musste einfach an dieses Jahr denken. An alles, was wir gemacht haben. Wir tun doch schon was! Wir haben Blühinseln gepflanzt und Nistkästen aufgehängt. Und in den Ferien – erinnerst du dich? – haben wir die Zettel in der Nachbarschaft verteilt für den Igelschutz.“

Felix grinste. „Oh ja! Und plötzlich hat die halbe Siedlung aufgehört, den Mähroboter nachts laufen zu lassen.“

„Und Frau Brenner hat einen Laubhaufen fast so groß wie ihr Gartenhaus gebaut! Nur damit der Igel ein Winterbett hat!“ Elise strahlte. „Siehst du? Es funktioniert. Nicht sofort und nicht überall, aber ein bisschen. Und aus ein bisschen wird irgendwann etwas Großes.“

Felix sah über die Wiese. Die kahlen Bäume, die schlafende Wiese, das Rascheln eines Vogels im Heuhaufen – alles wirkte ruhig, aber nicht tot. Eher wie ein tiefes Einatmen.

„Vielleicht“, sagte er langsam, „braucht Hoffnung ja nur zwei Leute, die nicht aufgeben.“

Elise stieß ihn sanft mit der Schulter an. „Oder vier. Oder zehn. Oder den ganzen Ort. Wenn wir nur jeden überzeugen, wie schön Natur ist… und der überzeugt wieder jemanden …“ Sie breitete die Arme aus. „Dann schaffen wir das.“

Der Wind strich durch die Zweige über ihnen, und die letzten Äpfel wackelten leise.

„Und außerdem“, fügte Felix hinzu und grinste, „macht es einfach mega viel Spaß, draußen in der Natur etwas zu entdecken.“

„Eben!“ Elise sprang auf. „Komm, wir schauen noch nach dem Heuhaufen. Vielleicht hat schon jemand drin eingecheckt.“

Sie rannten los, ihre Schritte knirschten im Frost. Und über der Streuobstwiese – über den alten Bäumen, den schlummernden Insekten und den beiden Kindern – zog ein Gefühl von Wärme, das nichts mit Temperatur zu tun hatte.

Es war Hoffnung. Und sie wuchs. Wie eine Knospe, die nur auf den Frühling wartet.