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Teil 4 – Blühende Inseln

Die große Lupe von seinem Opa lag ganz unten in einem der letzten Umzugskartons. Johann hatte eigentlich nach seinem Taschenmesser gesucht, doch zwischen alten Büchern, einer Wollmütze und einem verbeulten Blechauto fand er das kleine Ding mit dem schwarzen Griff. Das Glas war etwas staubig. Er rieb es am Ärmel sauber und hielt es probeweise vor sein Auge. Sofort wurde die Maserung des Holztisches riesengroß.

„Damit kann man die Käfer bestimmt noch viel besser beobachten“, murmelte er.

Am Nachmittag nahm er die Lupe mit hinaus zur Streuobstwiese.

Die Sonne stand schon tiefer und schickte lange helle Streifen zwischen die Obstbäume. Johann ging langsam, viel langsamer als sonst. Mit der Lupe vor dem Gesicht wirkte alles plötzlich fremd und neu. Ein Grashalm war kein einfacher Grashalm mehr, sondern ein grüner Stab mit feinen Rillen. Die kleinen Härchen am Rand glänzten silbrig. Auf einem Blatt entdeckte er eine winzige Spinne, die reglos auf einem Faden hing, als würde sie schweben.

Er setzte sich ins Gras und sah sich genauer um.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Wiese gar nicht überall gleich aussah.

An manchen Stellen wuchsen unzählige Blumen dicht nebeneinander. Gelbe, violette und weiße Blüten drängten sich dort wie Menschen auf einem Markt. Es summte und flatterte darüber. Ein paar Meter weiter stand hohes Gras, das im Wind rauschte wie Wasser. Dort sah man fast keine Blüten.

Unter den Obstbäumen wiederum war alles niedriger. Kleine Pflanzen krochen dicht über dem Boden. Winzige weiße Sterne blühten zwischen kurzen Blättern, die Johann bisher nie bemerkt hatte.

„Komisch“, sagte er leise. „Warum wächst hier alles anders?“

Er ging weiter und entdeckte zwei Stellen, die völlig herausstachen. Dort wuchs fast kein Gras. Stattdessen standen überall Blumen: rote Lichtpunkte, blaue Tupfen, weiße Dolden und violette Kelche. Darüber schwebten Insekten wie kleine Funken in der Luft.

Vor den Flächen steckte ein Schild.

Blühinsel, las Johann.

Darunter war ein Foto befestigt. Darauf standen mehrere Leute mit Spaten und Rechen auf der Wiese. Einer davon war Emma. Ihre Haare hatte der Wind ihr ins Gesicht geweht, und sie hielt eine Tüte mit Samen hoch. Alle lachten.

Johann kniff die Augen zusammen.

„Aha“, sagte er. „Ihr habt also einfach Blumen gesät.“

Er hockte sich an den Rand der Fläche und hielt die Lupe über eine Blüte. In ihrer Mitte lag gelber Pollen wie feiner Staub. Eine kleine Wildbiene krabbelte hinein und verschwand fast ganz darin.

Da hörte er Schritte.

Emma kam über die Wiese gelaufen und blieb neben ihm stehen.

„Du hast eine Lupe gefunden!“, sagte sie sofort.

Johann nickte.

„Hier sieht alles unterschiedlich aus“, meinte er. „Da hinten das hohe Gras. Unter den Bäumen die kleinen Pflanzen. Und hier …“ Er deutete auf die Blühinsel. „… hier explodiert ja fast alles.“

Emma sah über die Fläche, und ihr Gesicht wurde ganz weich vor Freude.

Die Luft summte dicht um sie herum. Schwebfliegen standen still in der Sonne. Eine dicke Hummel taumelte von Blüte zu Blüte. Und plötzlich schoss eine Libelle vorbei, blaugrün glänzend wie Glas.

Emma lachte leise.

„Schau mal, wie viele gekommen sind.“

Johann beobachtete sie von der Seite. Sie wirkte zufrieden. Fast ein bisschen stolz.

Er schmunzelte.

Bestimmt denkt sie jetzt, sie hätte das alles gemacht, dachte er.

Dabei macht die Natur das doch selbst.

Als hätte Emma seinen Gedanken gehört, setzte sie sich neben ihn ins Gras.

„Weißt du“, sagte sie und strich vorsichtig über einen Grashalm, „eigentlich haben wir nur angefangen.“

Johann sah sie fragend an.

„Wir haben den Boden geöffnet und die Samen ausgestreut“, erklärte sie. „Aber wachsen mussten sie alleine. Der Regen musste kommen. Die Erde musste passen. Die Insekten mussten die Blumen finden.“

Sie zeigte auf einen kleinen Käfer, der gerade zwischen zwei Blüten verschwand.

„Und jetzt machen die Tiere weiter.“

Johann schaute durch seine Lupe. Auf dem Rücken des Käfers klebten gelbe Pollenkörner wie winzige Goldstücke.

„Vielleicht“, sagte er langsam, „braucht die Natur manchmal einfach nur ein bisschen Platz.“

Emma nickte zufrieden.

Eine Weile saßen sie schweigend da. Über ihnen rauschten die Blätter der Obstbäume. Im hohen Gras zirpten Heuschrecken. Von irgendwoher kam der Duft warmer Erde.

Dann hielt Johann plötzlich die Lupe vor Emmas Auge.

„Jetzt bist du riesengroß“, sagte er grinsend.

Emma lachte so laut, dass eine Schwebfliege erschrocken davonsurrte.

Und mitten zwischen den summenden Blüteninseln saßen die beiden Freunde und staunten weiter — über die Wiese, über die kleinen Dinge und darüber, wie viel Leben man entdecken konnte, wenn man nur genau genug hinsah.